Interessante Ergebnisse bringt auch das Kapselbrandverfahren. Hierbei experimentiert die Künstlerin mit organischen Materialien etwa mit Früchten, Blättern, Pferdehaaren. Die geschrühte Keramik wird mit den Materialien in eine Kapsel gegeben. Beim Brand hinterlassen diese die verschiedensten Farbspuren auf der Keramikoberfläche. Allein schon die Keramiken der Künstlerin sind in ihrer formalen und farblichen Ästhetik sehr anspruchsvoll und besitzen für sich eine starke Ausstrahlung.

 

Im zweiten Arbeitsschritt wird der vorab geplante Drahtbereich gestaltet. Für jedes Objekt wird ein eigener Entwurf (Klöppelbrief) erstellt. Mit der alten Handarbeitstechnik Klöppeln verbinden wir das Herstellen von Spitze durch Kreuzen, Drehen oder Verflechten von Fäden, die auf Klöppel (Holzstäbe) gewickelt sind. Lilei-Dorn bedient sich zwar des Klöppelns, ändert es jedoch für ihre Arbeiten ab. Farblich passend zu den Rauch- beziehungsweise zu den intensiv-farbenen Farbspuren auf der Keramikoberfläche stellt sie filigrane Drähte aus Kupfer, Silber, Edelstahl oder fein versilberte oder vergoldete leonische Fäden zusammen, die sie anschließend flach oder dreidimensional verklöppelt. Die Verwendung von mehr als 60 Klöppelpaaren, das bedeutet mehr als 120 Klöppel, ist bei ihren Arbeiten keine Seltenheit, verrät die Künstlerin. Die Drahtfäden sind zum Teil dünn wie ein Haar, aber im Gegensatz zum üblichen Klöppelgarn wesentlich steifer. Dies birgt die Gefahr in sich, dass sie leicht brechen. Dadurch wird das ganze Klöppelwerk zerstört und die Künstlerin muss wieder von vorn beginnen.

 

Im dritten Arbeitsschritt werden die Keramiken mit den transparenten, filigranen, zum Teil mehrfarbigen Drahtgespinsten zu einer neuen Kunstform weiter entwickelt. Damit hat Lilei-Dorn für ihre Werke eine ganz eigene plastische Sprache gefunden. Dabei beeinflussen die Flexibilität und Formbarkeit des Materials die bildnerische Entscheidung der Künstlerin. Betrachten wir die so kreierten „Ton-Gespinste“ aufmerksam, so zieht einerseits ein jedes der Formenelemente unseren Blick auf sich und fasziniert im Detail, andererseits schafft die Künstlerin Blickbezüge und das fasziniert noch mehr. Denn damit verwandelt sich die optische Erfassung der einzelnen Formen unmittelbar in weiterführende, gleitende visuelle Bewegungen. Unsere Augen folgen Biegungen und Schwingungen. Ruhe und Bewegung, Aufstrebendes und Herabfallendes, Licht und Dunkel setzen die Akzente. Dort, wo das licht- und luftduchlässige Drahtgeflecht die Keramik umhüllt, oder wie zufällig mit ihr verbunden scheint – stets wirkt das „Ton-Gespinst“ wie ein Energiefeld. Es scheint ihm ein Drang innezuwohnen, der Drang sich auszudehnen, sich in den Raum zu ergießen, weiter zu fließen. Kommt Licht mit ins Spiel zeigen sich uns nicht nur Licht durchwirkte, zart glitzernde Gespinste, sondern unsere Aufmerksamkeit wird zudem auf die Vielzahl von Schattenbildungen des Kunstwerks gelenkt. Der Schatten als der Widerschein des Objektes ist unzertrennlich mit ihm verbunden, zugleich aber etwas, das selbst nicht Materie ist. Das Objekt wird durch die Schattenwürfe erweitert und regt den Betrachter zu neuen, vielfältigen Assoziationen an.

 

Alle Exponate der Künstlerin sind Unikate. Sie sind abstrakte Formulierungen von räumlicher Klarheit und bildlicher Verdichtung und oft von einer unwahrscheinlichen Leichtigkeit. Es sind stille Werke und dennoch sind sie voller Dynamik. Dieses Wechselspiel zwischen massiver Keramikform und zarten Drahtgespinsten ist das eigentlich Beeindruckende und veranschaulicht die Freude der Künstlerin am spielerischen Gestalten.

 

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