Jeder Weg wahrt seine Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein Weg birgt Erfahrungen vieler und nimmt Erfahrungen weiterer auf. Am Anfang des Praktizierens geht es allein um das Lernen an den Vorbildern. Erst wenn der Praktizierende das Handwerkliche mühelos beherrscht, darf er selbst schöpferisch tätig werden. Erst dann ist er Urheber eines erlebten und nicht eines ‚gemachten’ Werkes, ist er Urheber einer künstlerischen Aussage, die ihren Anspruch mit Verweis auf sich selbst begründet.

 

Ikebana zählt also zu einer dieser dô-Künste. Das Schriftzeichen ike bedeutet ‚zum Leben bringen’, ‚am Leben erhalten’, ‚anordnen’, das Schriftzeichen hana bedeutet Blume. Man nennt diese Kunst auch Kadô, der ‚Weg der Blumen’. Seine Anfänge liegen im religiös-kultischen Bereich in der Tradition der buddhistischen Blumenopfer, die im 7. Jahrhundert von China nach Japan gelangte. Während der Jahrhunderte entwickelte es sich zu einer Kunstform, die ab dem 17. Jahrhundert durch den Zen-Buddhismus einen lebensphilosophischen Hintergrund bekam. Es entstanden verschiedene Schulen. Besondere Bedeutung erlangten die Ikenobô-, Ohara- und Sogetsu-Schule. In ihnen werden mehrere Stile gepflegt - zum Beispiel Rikka (Stehende Blume) als die älteste Form, Shoka (Lebendige Blume), Nageire (Vasenarrangement), Moribana (Schalenarragement) und schließlich Jiyuka (Freier Stil). Letzterer findet heute besonderes Interesse.

 

Ikebana bedeutet nicht einfach Blumen abschneiden und in eine Vase stellen. Es ist auch nicht eine rein ästhetische Spielerei, wenn auch von manchen so aufgefasst. Ikebana ist ein künstlerisches Ausdrucksmittel mit vielen Regeln und einem geistigen Hintergrund. Es kommt alles auf die Art des Anordnens der Pflanzen an. Das Ziel ist aus Blumen, Blättern, Zweigen, Ranken, Gräsern, Wurzeln, verwittertem Holz, Rinde, Naturfundstücken unterschiedlichster Art vergängliche Skulpturen zu schaffen. In der jüngeren Zeit werden vor allem im Freien Stil auch Metalle, Glas, Spiegel, Papiere, Stoffe, Kunststoffe, Draht usw. verwendet. Die Materialien werden je nach Stil in hohen Vasen, flachen Schalen, Körben, ausgehöhltem Bambus und ähnlichem angeordnet. Die formelle Stilisierung (kata) einer solch vergänglichen Skulptur hat ihren Kern in dem Zusammenwirken von Reduktion, Asymmetrie, Schlichtheit und natürlichem Linienspiel. Durch das besondere Arrangement der Materialien wird die Wirkung von Licht und Schatten, Ruhe und Bewegung, Aufstrebendem und Herabfallendem (yin und yang) erreicht. Im Mittelpunkt des Ikebana steht das Verhältnis des Menschen zur Natur. Ein Ikebana spiegelt vor allem den Wandel der Jahreszeiten wieder. Somit spielt das Thema von Werden und Vergehen eine entscheidende Rolle (s. u.).

 

 

Wie begegnet Stephanie Senge dem Ikebana?

 

Ikebana und seine kreative Gestaltung mit Naturmaterialien in Verbindung mit seinem lebensphilosophischen Hintergrund erfreut sich seit langem weltweit großer Beliebtheit. Zunächst wurde die Kunst streng nach japanischem Vorbild nachgeahmt. Nach geraumer Zeit fand jedoch auch im Westen eine interessante Eigen- und Weiterentwicklung statt. So zum Beispiel durch die Bildhauerin Stephanie Senge, der wir uns in diesem Essay zuwenden.

 

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