‚Ikebana als Wertschätzungsstrategie’
Lydia Brüll

 

Viele Künstler/Innen haben ein besonderes feeling für interkulturelle Begegnungen. Künstler sind eher als Andere offen für Neues. Sie vermögen mit Spannung, aber auch mit der notwendigen Gelassenheit, kulturelle Grenzen zu überschreiten. Damit sind sie oft genug Vorreiter ihrer Zeit. Zunächst stehen sich Fremd- und Eigenwelt gegenüber, aber man bemüht sich um Verständigung – ein langwieriger Prozess mit Anpassungen, Verwerfungen, Wandlungen. In diesem Zusammenhang ist die Umsetzung bestimmter Kunstformen Japans durch westliche Künstler für mich von besonderem Interesse. In diesem Essay geht es um die Umsetzung der japanischen Kunstform Ikebana, der Kunst des Blumensteckens, durch die Künstlerin Stephanie Senge.

 

Während meines ersten Japanaufenthaltes erzählte mir ein japanischer Freund zu dem Problem interkulturelle Begegnung folgende kleine Anekdote:

 

Der Abt eines japanischen Klosters empfing einmal einen sehr gebildeten und erfolgreichen Mann aus dem Westen, der tiefere Einsichten in das Geheimnis des Lebens bekommen wollte.

 

Der Abt bereitete für den Gast und sich eine Schale Tee zu. Dabei begann der Abt sein Wissen zu erläutern, aber der hoch gebildete und weit gereiste Gast unterbrach ihn immer wieder, um seine Sicht der Dinge darzulegen.

 

Der Meister schien ungerührt von all den Einwänden und goss in aller Ruhe die Schale seines Gastes voll und goss immer weiter und weiter und weiter. Der Tee trat über den Rand der Schale, und als der Meister seelenruhig weiterhin nachschenkte, konnte der Mann nicht mehr an sich halten.

 

„Aber die Schale ist übervoll! Es geht nichts mehr hinein!“

 

Der Meister lächelte und sagte ruhig:

 

„Wie diese Schale bist du voll mit deinen eigenen Meinungen und Urteilen. Wie kann ich dir überhaupt etwas zeigen, wenn du nicht zuerst deine Schale leer machst?“

 

Mir wurde durch diese Anekdote klar, was Annäherung an eine andere Kultur voraussetzt: sich von eigenen Vorurteilen frei machen und bereit sein, die in der eigenen Kultur erlernten Denkkonventionen zu hinterfragen. Das ‚Andere’ schauen, erleben, darüber nachsinnen, umgestalten und damit Neues schaffen.

 

Aufgrund der interkulturellen Beziehungen fand eine weltweite Verbreitung der so genannten dô-Künste Japans statt. Dô bedeutet ‚Weg’ und es gibt der Wege viele: chadô, der Weg des Tees, kendô, der Weg des Schwertes, shodô, der Weg des Schreibens, Kadô, der Weg es Blumenarrangierens usw. Alle dô-Künste verstehen sich sowohl als Kunst- und als Lebensübung. Dem Praktizierenden eines Weges wird durch einen Meister nicht nur die notwendige Kunstfertigkeit vermittelt, sondern er verhilft ihm auch zu einer geistigen Reife und dem Weg zu sich selbst.

 

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