So geht es in der Serie Lebensmuster um die Frage, in wie weit wir uns der durch etwa Kultur, Ideologien, Erziehung vorgegebenen Muster, denen wir im Leben folgen, bewusst sind. Zunächst nehmen wir ein auf weißer Leinwand montiertes, weißes Blatt Japanpapier auf, auf dem Lebensmuster mit unterschiedlich angeordneten goldenen Kreisen dargestellt sind. Gold ist Symbol für Reinheit, Sonne, Licht, Weisheit, ist aber auch Statussymbol für Reichtum und Überlegenheit. Auf den ersten Blick befriedigen die dargebotenen Muster ästhetisch. Die Knickungen und Faltungen des weißen Papiers verstören den Betrachter und fordern ihn auf, sein Verhältnis zu diesen Lebensmustern auszuloten. Wird mir hier etwas vorgegaukelt, lasse ich mich blenden, sind sie mit meiner Lebenssicht vereinbar? Bin ich in der Lage, mich gegebenenfalls von ihnen zu lösen oder sie zu verändern, um mir Bewegungsspielräume zu erhalten oder neue zu schaffen?

 

In den ‚Lebenslinien’ bedient sich Brüll der abstrakten Kalligraphie Ostasiens, die sie auf ihre eigene Weise umsetzt. Schwarze und goldene Linien fließen allein oder parallel zueinander über ein weißes Blatt Japanpapier, das auf einer schwarzen Leinwand appliziert ist. Ohne den Pinsel abzusetzen werden die Linien in einem Atemzug gezogen. Könnte man die Linien für sich allein als eine innerästhetische, malerische Äußerung deuten, so wird der Betrachter durch die verschiedenen Formen der Faltungen des Papiers zu einer verstärkten reflektierten Haltung angeregt: die Komposition von Linie und Faltung als modellhafte Form des Umgangs mit dem Leben wahrzunehmen. Durch die in die dritte Dimension gehenden Faltungen des Papiers und die dadurch entstehenden Schatten wird die Tuschlinie mehrfach gebrochen. Sie visualisieren die Brüche im Leben eines Menschen, Brüche die erlebt und gelebt werden müssen, die aber stets auch Entfaltung in sich schließen.

 

Neben Falten und Knicken gibt es die verschiedensten Möglichkeiten mit Papier zu arbeiten. In ihren Fragmente-Bildern bedient sich Brüll des Papierreißens. Hierbei muss das Papier sorgfältig ausgewählt werden, weil die Beschaffenheit des Papiers einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung hat. Hier bevorzugt Brüll starkes Bütten- oder Japanpapier. Auf großen weißen Papierbögen aquarelliert sie zunächst farbige Kompositionen, aus denen sie nach dem Trocknen bedachtsam Fragmente reißt. Das Herauslösen von Details aus dem ehemaligen Bildkontext ist ein Zerstören einerseits und zugleich ein neues Finden. Es ist ein Malen ohne Pinsel. Der Reißvorgang ist ein meditativer, da die beim Reißen entstehenden, weiß hervortretenden Papierschichten nicht verletzt werden dürfen und sichtbar bleiben sollen. Diese Fragmente werden auf einen monochrom weißen oder schwarzen Hintergrund montiert. Auf den ersten Blick wirkt jedes der Fragmente in seiner Aussagekraft scheinbar isoliert. Doch in der lockeren Komposition der verschiedenen Fragmente auf der großen, weißen Wand, die wiederum die ‚Leere’ symbolisiert, scheint jedes mit den anderen einen Dialog einzugehen. Diese dialogische Beziehung ist nicht endgültig, sondern durch Umhängung jederzeit veränderbar. Damit ist eine unendliche Variabilität möglich und dem Betrachter bietet sich immer wieder ein neues Bild.

 

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