Gedanken zu der Ausstellung „Verschieden – Gemeinsam“
Lydia Brüll

 

Im Rahmen des Jubiläumsjahres der Stadt Sendenhorst wurde am 24. Oktober 2015 die Ausstellung „Verschieden – Gemeinsam“ in meinem Kunstatelier eröffnet. Die Ausstellung präsentiert drei künstlerische Ansätze: den der Malerei (Lydia Brüll), der Bildhauerei (Basilius Kleinhans) und der Installation (Jürgen Krass). Die drei unterschiedlichen Positionen lassen die vielgestaltigen Möglichkeiten der Kunst nicht nur lebendig werden, sondern regen auch zu einem spannenden Dialog an. Zeigen sie doch, dass es mehrere Wege gibt, die Wirklichkeit wahrzunehmen und zu definieren. Kunst ist wie eine offene Tür, die uns eine erweiterte Sicht auf die Welt ermöglicht und unser Lebensgefühl bereichert.

 

Der Künstler spielt mit seinen Wirklichkeitsvorstellungen, hinterfragt sie und setzt sie entsprechend der ihm zur Verfügung stehenden Materialien, Werkzeugen und technischen Vorgehensweisen um. In seinen Exponaten werden verschiedenste Themen und Probleme ins Bild gesetzt werden. Zugleich sind die Exponate aber auch ein vom Betrachter zu befragendes Material, allerdings immer eingedenk der Tatsache, dass Kunst niemals Probleme löst, diese uns jedoch bewusst macht und Anstöße zum Weiterdenken und Fühlen gibt.

 

Charakteristisch für die Bilder von LYDIA BRÜLL sind die auf dem Malgrund leer gelassenen weißen Flächen. Im Westen wird Leere als die Abwesenheit von etwas, als Mangel betrachtet. Leere ängstigt viele Menschen. In der Kunst und Literatur spricht man gern vom ‚horror vacui’ und bezeichnet ‚den Schrecken vor der Leere’, aus dem die Neigung vieler westlicher Künstler entspringt, leere Räume des Papiers oder der Leinwand mit Gemaltem voll auszufüllen bzw. mit Text zu überdecken. Die Wertschätzung der Nicht-Farbe Weiß von Lydia Brüll liegt in der intensiven Auseinandersetzung mit der ostasiatischen Malerei begründet. Weiß versinnbildlicht dort besonders in der Kalligraphie und Tuschemalerei ‚Leere’. Leere jedoch nicht als das Nichts verstanden, sondern als der Grund aller Dinge, als die Fülle der Leere.

 

Die leer gelassene Fläche des Malgrundes ist also wesentlicher Bestandteil des Bildes. Sie ist ‚das gemalte Ungemalte’. Das farblich Dargestellte auf dem Malgrund, ob abstrakt oder gegenständlich, erfährt erst im Kontext mit dem ‚Weiß’ seine volle Wirkkraft. Gemaltes und Ungemaltes’ werden auf diese Weise zu einer Gesamtheit von Beziehungen. So das dreiteilige Werk ‚Wandel’ oder das zweiteilige ‚Begegnung’.

 

Bei den in den Serien ‚Lebenslinien’ und ‚Lebensmuster’ gestalteten Exponaten hat man es nicht mehr mit einem Bild im herkömmlichen Sinne zu tun, sondern mit einem Gebilde, das in die dritte Dimension ausgreift. Hier arbeitet Brüll neben Leinwand und bemaltem Papier zusätzlich mit Faltungen und Knickungen des Papiers. Sie sind eine von vielen Möglichkeiten, bestimmte Lebenszusammenhänge zum Ausdruck zu bringen, Verborgenes sichtbar zu machen.

 

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