‚Begegnung’
Einführende Worte von Lydia Brüll anlässlich der Eröffnung
der Ausstellung von Frank Merten, Berlin, am 14. April 2018

 

Eine reiche Auswahl an verschiedenen Pinseln (fude), schwarzen Tuschesteinen, die Frank Merten traditionell mit Wasser auf dem Reibstein zur Tusche (sumi) zerreibt, und handgeschöpftes Japanpapier sind seine Materialien. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin. Seine künstlerische Karriere begann er mit Aktzeichnen, wandte sich dann der Radiertechnik, der Lithographie und Ölmalerei zu. Seit 1991 folgt eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland. Ab 2001 entdeckte Merten seine Liebe zu der ostasiatischen Pinselschrift. Mehrere Jahre nahm er bei der bekannten japanischen Kalligraphie-Meisterin Prof. Suiko Shimon (Kioto/Berlin) Unterricht und erlangte Meisterschaft in der Beherrschung der strengen Kompositionsregeln des Shôdô und im Schreiben japanischer Texte. Im Jahr 2016 erfolgte der Abschluss zum Kalligraphie-Meister bei der Korea Calligraphy Association Seoul und 2017 erhielt er das Diplom des Tokyo Metropolitan Art Museum. Seit 1991 wurde Merten durch seine zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland bekannt und wurde mit mehreren Preisen auf der südkoreanischen World Calligraphy Bienale (of Jeollabuk-do) ausgezeichnet. Siehe die Kalligraphien mit dem chinesisch/japanischen Schriftzeichen für Herz/Geist (kokoro, s. "Aktuelles": Bild 1 l), mit dem Schriftzeichen für "Die Wolke selbst" (Bild 1 m), mit dem Schriftzeichen für Blume (hana, Bild 2 r).

 

Stets offen für Neues überschreitet Merten bald kulturelle Grenzen und sucht nach einem eigenen künstlerischen Ausdruck: Er wagt das Experiment der "Begegnung" zwischen deutscher Sprachheimat und ostasiatischer Pinselschrift. So begrüßen den Betrachter in den beiden Licht durchfluteten Ausstellungsräumen beispielsweise die großformatige Hängerolle mit dem deutschen Wortgebilde "Ohne Ziel" in ostasiatischer Schriftweise (Bild 1 rechts) oder "Alles Wagen" (Bild 4), Wortgruppen und Begriffe wie "Wasser für alle", "Jetzt" (Bild 5), "Frohsinn", "Nur eine Erde" (Bild 3) lässt der Künstler als Sinn-Bild auf Japanpapier in abstrahierter Form wiedererstehen. Dass in diesen Pinselschriftbildern wesentliche Themen der menschlichen Existenz verhandelt werden, ist spannend zu erleben. Aus den Schriftbildern spricht die Realität, auf die der Mensch sich einlassen und mit ihr umzugehen lernen muss. Sie drücken den ewigen Wandel aus, der vor Erstarren und Eintönigkeit bewahrt und uns den Augenblick mit seinen je neuen, besonderen Erfahrungen wahrnehmen lässt. Wie facettenreich diese Zeichengebilde sind, wird mir während des Gesprächs mit dem Künstler bewusst, als die Objekte an den Wänden immer wieder durch die wechselnden Lichtverhältnisse ihre Wirkung verändern. Ein faszinierender Wandel, dem auch das Auge des Betrachters und seine Aufmerksamkeit unterliegen.

 

Mertens Werke sind Experimente eines ernsthaften künstlerischen Geistes, der die Pinselschrift der Gegenwart bereichert und neue Wege aufzeichnet. Seine an- und abschwellenden Tuschespuren sind lebensvoll, expressiv, dynamisch, teilweise spielerisch, humorvoll. In den ausgesparten weißen Flächen ist die Schönheit im Gleichgewicht, in der Ausgewogenheit und im Kontrast zu finden. Die Begegnung zwischen deutschem Wort und ostasiatischer Pinselschrift erfordert ein feines Gespür für die formalen Möglichkeiten der Pinselschrift und dem jeweiligen Wortsinn. Das Ergebnis ist eine hochinteressante Kommunikation zwischen Wort- und Bildebene mit großer Wirkkraft. In der Flut von Bildern und Worten, die unseren Alltag heute bestimmen, wird der Betrachter angeregt in dieser außergewöhnlichen und unangepassten Darstellung von Wort und Bild, den einzigartigen Assoziationen, die er dazu selbst in sich trägt, zu lauschen.

 

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